Direkt zum Hauptbereich

Kirchenmusik außerhalb von Kirchen - Drei Projektideen

Chorprojekt im Simonshöfchen (JVA Wuppertal - Vohwinkel)

Deutsch - türkisches Singprojekt an der Stadtparkschule in Remscheid

Kirchenmusik in Seniorenheimen


1. Ein Chorprojekt in einem Gefängnis?


Als ich in meiner Gemeinde davon erzählte, gab es sehr unterschiedliche Reaktionen.
Wollen "die" denn überhaupt singen? Jemand fragte mich, ob ich in dieser Zeit nicht besser etwas in unserer Gemeinde tun könnte - Sie sind doch "unser" Organist. Frei formuliert: Was haben wir denn mit denen zu tun?
Aus meinen Chören gab es aber sehr viel positive Rückmeldungen. Denn neu ist das Singen in den JVAs hier im bergischen Land nicht. Drei meiner ehemaligen C-Schüler haben in der JVA Remscheid über Jahre nicht nur die Orgel gespielt, sondern auch mit den Häftlingen gesungen.

Die Idee des Chorprojektes vor Weihnachten hatten einige der Häftlinge selbst. Nach einem der Gottesdienste in der JVA fand ein Gespräch mit Häftlingen statt. Dabei wurde auch über meine Arbeit als Kirchenmusiker gesprochen. Jemand sagte dann, dass es bestimmt auch in der JVA Menschen gibt, die Spaß am Singen hätten.
Ich versprach ihm, das Projekt anzubieten, wenn er 15 Leute für das Chorprojekt begeistern kann. Es hat nicht lange gedauert und es gab einen Chor!

Was haben wir gesungen? Neben ganz "normale" Kirchenlieder haben wir auch neue Lieder gelernt, die dann im Gottesdienst mit allen zusammen gesungen wurden. Es wurde nicht nur einstimmig, sondern auch mehrstimmig gesungen. Zum Beispiel aus dem IONA Liederbuch "Freut euch und singt". Die Lieder der IONA Gemeinschaft lassen sich schnell auch mehrstimmig singen, indem man die einzelnen Stimmen hintereinander einfach mit allen singt. Danach kann sich jeder seine Stimmlage aussuchen.

Der Chor sang dann im Weihnachtsgottesdienst an Heilig Abend, der von Weihbischof Dr. Schwaderlapp geleitet wurde. Gerade Heilig Abend, „das Familienfest" überhaupt, ist für Häftlinge ein ganz schwieriges Thema. Der Chor hat wesentlich dazu beigetragen, dass es ein feierlicher Weihnachtsgottesdienst wurde.

2. Deutsch-türkisches Singen in einer Grundschule


In den meisten Kirchengemeinden wird es schwieriger, genügend Kinder zum Singen in einem Kinderchor zu gewinnen. Für viele KollegInnen ist die Kooperation mit Grundschulen deswegen ein wichtiger Pfeiler ihrer Kinderchorarbeit. Doch was singt man in Schulen, in denen die Klassen international zusammengesetzt und nur die wenigsten Kinder katholisch sind?

Seit einem Jahr gibt es in der Stadtparkschule in Remscheid ein Singprojekt mit Kindern im ersten Schuljahr. Zusammen mit der Schulleiterin, meinem evangelischen Kollegen und dem Türkischlehrer der Schule, der auch ausgebildeter Musiker ist, haben wir ein Konzept entwickelt, das dieser Situation gerecht werden soll.
Einmal wöchentlich gibt es in allen drei Klassen des 1. Schuljahres eine gemeinsames Singen von ca. 20 Minuten. Gesungen werden gängige Kinderlieder. Das Besondere daran ist, dass die Lieder in verschiedenen Sprachen gesungen werden. Fast alle Lieder wurden auch in die türkische Sprache übersetzt.

Für uns Musiker ist es sehr interessant zu beobachten, wie durch das Singen in der Sprache der Kinder eine ganz eigene Atmosphäre entsteht. Besonders den türkischsprachigen Kinder bedeutet es sehr viel, dass sie die Lieder in „ihrer“ Sprache singen dürfen. Nebenbei lernen die Kinder etwas über die unterschiedlichen Kulturen - ein Stückchen der Fremdheit, die es sonst gibt, wird so überwunden. Und es entsteht eine Beziehung der Kinder zu mir und der Kirchengemeinde, in der ich arbeite.

3. Gottesdienste und musikalische Angebote in Seniorenheimen


Kirchenmusik außerhalb der Kirchen betrifft auch die Seniorenheime. Dort begegnen mir oft Menschen, die ich aus Gottesdiensten in unseren Kirchen kenne und lange nicht gesehen habe. Treue und regelmäßige Gottesdienstbesucher, die irgendwann nicht mehr kamen. Manche „verschwanden“ einfach still und leise in einer Senioreneinrichtung. Gerade diese Menschen freuen sich, wenn der Kontakt zur Kirchengemeinde nicht ganz abreißt. Älteren Menschen sind Gottesdienst und Liturgie sehr wichtig und unseren Kirchengemeinden sollte es ein Anliegen sein, dass auch in Seniorenheimen gute und musikalisch gut gestaltete Gottesdienste gefeiert werden können oder dass es auch dort ein musikalisches Angebot zum Singen gibt….

Fazit:

Gehören solche Projekte zur Arbeit eines Kirchenmusikers/einer Kirchenmusikerin? Kommen dadurch mehr Menschen zum Gottesdienst? Ja, diese Projekte gehören zu meiner Arbeit als Kirchenmusiker“. Ob dadurch mehr Menschen in den Gottesdienst kommen, ist nicht mein primäres Ziel. Die Menschen kommen aber so mit „Kirche“ in Berührung.

Diese wertvollen Projekte werden in den kirchenmusikalischen Stellenplänen in der Regel nicht berücksichtigt. Die Gefängnisseelsorger haben zwar meistens jemanden, der gegen Bezahlung zum Orgel spielen kommt. Es ist aber nicht mehr überall möglich, jemanden zu finden, der regelmäßig an jedem Wochenende die Gottesdienste musikalisch gestalten kann. Chorprojekte sind meistens nur dann möglich, wenn der Gefängnisverein die Finanzierung übernimmt. Genauso sieht es auch in Krankenhauskapellen und Seniorenheimen aus, wo häufig niemand da ist, der den Gottesdienst musikalisch gestaltet. Musikalische Angebote werden dort hin und wieder durch Beiträge der Teilnehmer finanziert.

Ich finde, wir sollten darüber nachdenken, wie die kirchenmusikalische Arbeit auch außerhalb unserer Kirchen aussehen kann: Gottesdienste, die vom Kirchenmusiker der Gemeinde musikalisch gestaltet werden - warum nicht auch regelmäßige Singangebote? Projekte an Schulen: nicht nur gemeinsames Singen, sondern vielleicht auch ein niederschwelliges Angebot an der Orgel…
Die Stellenpläne sind so flexibel, dass man eine gewisse Zahl der Kirchenmusikstunden für diese Arbeit zur Verfügung stellen könnte. In der Praxis sieht es aber oft so aus, dass zuerst das sogenannte „Tagesgeschäft“ abgedeckt wird, d.h. Gottesdienste der Kirchengemeinde und Chorgruppen. Wenn dann etwas übrig bleibt, denkt man auch über den Kirchturm hinaus. In den kommenden Jahren wird es immer wichtiger, besonders Menschen außerhalb unserer klassischen Gemeinden zu erreichen und gerade größere pastorale Räume bieten die Möglichkeit, Kirchenmusik breiter aufzustellen und auch an neue Projekte zu denken.



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Papst fordert Kirchengemeinden dazu auf, sich der Gesellschaft zu öffnen

Tolles Video von Papst Franziskus! Ich bin immer wieder begeistert, wie er seine Gedanken in einfache Worte und Bilder verpackt. Ohne große Schnörkel.

Kirchengemeinden sollen mehr sein, als Büros, in denen Glauben nur verwaltet wird. Das Video zeigt am Anfang Menschen, die für andere Menschen sauberes Trinkwasser bringen. Dann "rollen die Bilder" zurück und man sieht, dass sie vorher in einer Kirche waren. Toll gemacht!

Christen sollen sich der Gesellschaft öffnen und an ihrem Leben teilnehmen - im privaten und auch im gesellschaftlichen Zusammenhang.

"Die Türen müssen offen sein, damit Jesus mit der Freude des Evangeliums ein- und ausgehen kann".

Wenig Worte - viel Inhalt - Viel Stoff zum Weiterdenken: gerade auch jetzt, drei Wochen vor der Bundestagswahl!



Das alternative Chorleitungsbuch
Tipps für erfolgreiches Chormanagement 
Motivation - Führung - Organisation

Viele ChorleiterInnen und Chorvorsitzende stimmen wahrscheinlich zu: es gibt im Alltag eines Chores Dinge, die über das Musikalische hinausgehen und mindestens genauso wichtig sind, wie die musikalische Arbeit selbst. Auch beim Diözesantag für Chorvorsitzende im August wurde über diese Fragen gesprochen. Es geht um die Organisation des Chores, um gute Öffentlichkeitsarbeit und manchmal sogar auch um gutes Konfliktmanagement. In der Ausbildung der Kirchenmusiker spielen solche Fragen in der Regel eher eine Nebenrollen. 

Von daher ist es sehr zu begrüßen, dass Prof. Reiner Schuhenn einen kleinen, sehr praxisnahen Ratgeber über erfolgreiches Chormanagement herausgegeben hat. 14 Autoren haben sich mit ihrem jeweiligen Fachgebiet eingebracht. 9 Kapitel geben einen übersichtlichen und verständlichen Überblick über so ziemlich alles, was im Themenfeld Chormanagement wichtig ist. Und es ist einer der großen Vorzüge des Buches, dass es mit seinen 168 Seiten nicht durch übermäßige Ausführlichkei…

"Sprachlosigkeit" in der Liturgie?

Die Wortwahl ist drastisch - über das Problem, das Erik Flügge anspricht, sollten wir aber nachdenken.

Erik Flügge: "Was mich an religiöser Sprache wirklich nervt, dass sie auch gänzlich belanglose Momente zwanghaft versucht mit Wichtigkeit aufzuladen. Das wirkt dann deplatziert und schlimmstenfalls peinlich."

In Gottesdiensten wird oft die Sprache kritisiert. Das betrifft sowohl alte Gebete und Lieder, aber auch viele Predigten. In der Tat scheinen die Texte, die wir oft unreflektiert verwenden, für viele Menschen eine Barriere zu sein.

Erik Flügge hat mit seinem Buch "Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt" eine wichtige Diskussion angestoßen. Ich denke, es ist höchste Zeit, darüber nachzudenken, über was wir in unseren Gottesdiensten beten, singen und predigen und wie wir das tun. Sprache ist Kommunikation und es ist spannend, zu beobachten, was alles in unseren Gottesdiensten so alles "kommuniziert" wird. Wenn man richt…